Vom Angeben und Bauchpinseln im Netz

Schnutingers Comic: Angebermedien

Nicht, dass das Netz jemals assozial gewesen wäre, trotzdem ziehe ich den Begriff „Soziales Netz“ allen Versionierungen vor, die der Name in letzter Zeit erleiden musste. Das Medium ändert sich ja auch so rasant, dass man längst mit vielen Dezimalstellen arbeiten müsste (z.B. Web 3.6809) und das bringt ja nur Verwirrung, wenn überhaupt was.

Besonders auffällig am Mitmach-Web ist aber doch, dass manche – früher eher unscheinbare Leute – z.B. aus der Schule, im Netz plötzlich die mit der großen Klappe sind. Die mit den Skills, die mit den 400 Kontakten bei Xing und 600 Kontakten bei Wer-Kennt-Wen. Täglich werden die Profile aktualisiert, es wird unter ich „biete“ mit Fachjargon jongliert, dass es einem fast schwindelig wird. Aber ist das ein Netz-Phänomen? Oder sind wir nicht alle einfach stolz, etwas besonderes zu wissen oder zu können? Das Netz bietet dafür doch nur die Plattform, auf der sich leicht veröffentlichen lässt… Oder?

Genau genommen wundert man sich auch über die Gruppen, die einem frech von den Profilen entgegen grinsen. Neben „Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz“ oder „Ich glüh härter vor als Du Party machst“ geht die Auswahl über „Da fährt gerade ein Bus – Du könntest Dich überfahren lassen“ bis hin zu „Wenn ich Du wär‘, wär‘ ich lieber ich“. Aber es gibt auch Ehrlichkeits-Gruppen wie „alleine Schlafen ist scheiße“ oder „Jeder Topf hat einen Deckel – ich bin da glaub ich, ein Wok“. Insgesamt bin ich ein großer Fan der Gruppen, weil sie ja ganz nebenbei vielmehr verraten, als alle möglichen (oft standardisierten) Einträge bei „Über mich“ oder „Hobbies“.

Letztens habe ich ein Profilbild entdeckt, da konnte ich mich nicht mehr beruhigen: wie lustig!! :-)

Also, ich seh‘ da so eine „neue Frechheit“, so etwas flirtiges, dass durch die sozialen Netzwerke geht. Und ich find’s richtig gut! Soll doch da noch einer sagen, die Social Networks gefährden die Flirtportale nicht – von wegen! Ach übrigens gibt es die ja für alle möglichen Geschmäcker, einfach prima für alle, die noch ihren Deckel suchen (haben Woks nicht eigentlich auch Deckel?): der große Singlebörsen-Vergleich.

Gerne wird auch die neue Flamme am gleichen Date-Abend noch auf „Pics“ verlinkt und, achwas, da verlinkt man sich doch gleich mit! Auf dass es die ganze Welt sieht „Topf.. Deckel… ich! So! Da seht ihr. Ha!!!“. Und alle sehen gleich, was los ist und können sich mitfreuen, außer dem/der Ex vielleicht. Die können aber wenigstens zuschauen. Ganz legal, ganz öffentlich, im Netz eben. Das Leben ist doch eine Soap!!

Gleichzeitig herrscht ein Kuscheln und Bauchpinseln der feinsten Sorte. Indem man zum Beispiel auf Facebook von Menschen, die man quasi kaum kennt, zu „most desired for wedding“ nominiert wird. Da wusste ich ja auch nicht so recht, wie mir geschieht, besonders, weil ich gleichzeitig auch noch „most kiss-able“ und „best personality“ war. Ich hätte mich vielleicht eher über eine Email gefreut, in der man fragt, wie’s mir geht. Aber nichtsdestrotrotz: wer lässt sich nicht gerne öffentlich Bauchpinseln, wa?! ;-)

In diesem Sinne, geh ich mal ne Runde gruscheln… oder Gästebuchbärchen auf Pinnwände schmieren… „Schwupp di wupp fliegen kleine Sterne zu Dir“… und so weiter und so fort… ihr wisst schon.

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One thought on “Vom Angeben und Bauchpinseln im Netz

  1. Hach ja, hat nicht am End jeder irgendwo einen Hang zur Selbstdarstellung? Und das schöne beim “Mitmach-Web” ist ja, dass alle anderen es auch machen, es ist also nicht mehr peinlich, sich von seiner Schokoladenseite zu zeigen… Und hey, natürlich tut es gut, wenn ab und zu auch Fremde einem Komplimente schreiben… Mittlerweile artet es allerdings manchmal ein bißchen aus, und manche halten wohl jeden, der im Netz ist, für Freiwild… Aber richtig, keiner streitet ab, dass im Endeffekt doch jedes Portal irgendwo auch eine verkappte Single-Börse ist… Da wird mal ganz schnell angeschrieben nach hier und da – bei Wer-kennt-wen noch viel schlimmer als im StudiVZ. Den Unterscheid machen wohl die Begriffe „kennen“ (WKW) und „Freunde“ (StudiVZ). So „kennen“ mich viele Leute bei WKW, die auch bei StudiVZ sind, dort aber nicht bei meinen „Freunden“. Was so ein Begriff doch ausmacht – irgendwo aber auch schön, sollte der Begriff „Freund“ doch durch so etwas nicht endgültig seine Bedeutung verlieren.
    Und so lehne ich auch immer noch Leute ab, die vor 20 Jahren mal 1 Stunde in der Woche neben mir die Schulbank gedrückt haben und jetzt meinen, wir seien „befreundet“ – so weit ist die Selbstdarstellung dann doch noch nicht gegangen bei mir ;) Im Endeffekt sollte man dann alles doch eher etwas ironischer sehen und nicht so ernst nehmen. Mit einem Augenzwinkern tritt man in Gruppen ein wie „Seit ich perfekt bin, muss ich nicht mehr arrogant sein“ – nein, so eingebildet bin ich nicht im Ernst, aber man sollte es eher als kleine Satire auf genau diese Selbstdarstellung sehen, die man im Netz betreibt.
    Und es stimmt, natürlich lässt sich auch damit „spielen“, man kann ganz easy dafür sorgen, dass die richtigen Personen genau das mitbekommen, was sie mitbekommen sollen, durch Gästebucheinträge und natürlich Fotos – und selbstverständlich sorgt man dafür, dass man auf den Fotos auch noch gut aussieht! ;)
    Und so kann man seine ganz eigene tägliche Soap initiieren – natürlich mit der passenden Gruppe „Mein Leben ist eine Soap“! Und immer mehr Leute schauen zu… Sind wir nicht alle nicht nur Selbstdarsteller, sondern auch Voyeure… ;)

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