Was ich schon immer mal über Kreativität sagen wollte…

(kleine Photoshop-Bastelei – was sagt das schon über Kreativität aus?)


Was macht einen Kreativen aus?

Wen stellt ihr Euch vor, wenn ihr an einen „Kreativen“ denkt: jung, dynamisch, Nasenpiercing, der ganze Arm tätoowiert, aus dem MacBook tönt laute Mukke von Björk, Chemical Brothers oder Blur. Sein Arbeitsplatz ist gespickt mit hunderten von Zetteln, wenn er etwas erklärt, versteht es niemand, weil es so „abgefahren“ ist. Irgendwie hat man das Gefühl er lebt in einer anderen Welt. Passt nicht, das Bild? Okay, dann ein zweiter Versuch:

Ende 20, schwarzer Rollkragenpulli, eckige schwarze Hornbrille. Die Haare schlicht, ohne Styling, hängen einfach herunter. Die Kleidung ist sehr unauffällig, trotzdem passt alles, schwarz, gutes Material, hochgeschlossen. Unter dem Arm klemmt ein Moleskine-Notizbuch. Der Blick ist klar und streng, mit einem kleinen bisschen Arroganz darin. Dieses Bild besser vielleicht? Siehste!

Interessant, wie es Menschen schaffen, die Marken und Ideen gestalten, selbst ebenfalls eine Marke zu sein, die Erkennungswert und Loyalität fördert. Oder würdest Du ein 500.000 EUR Budget für eine Kampagne investieren, wenn der Kreative Dir gegenüber genauso nach Mainstream und Bürostuhlakrobat aussieht wie Du? Dann könntest Du’s doch auch selbst machen oder? Nimmt man sich dafür eine Agentur? Auch wenn ich persönlich immer versuche, nicht in Schubladen und Stereotypen zu denken – glaube ich doch, dass die Mehrzahl der Menschen einfach klare Schablonen hat, in die man als Kreativer reinpasst oder nicht. Tut man das nicht, könnte es kompliziert werden – oder interessant :-)

Kreativ im Job – und sonst so?

In den letzen Monaten habe ich mit vielen verschiedenen Kreativen zusammengearbeitet und weiß sicher, dass divenhaftes Auftreteten und ein guter Style weit davon entfernt sind, ein Garant für Kreativität zu sein. Im Gegenteil!! Wieso sollte ein Kreativer überhaupt Narrenfreiheit haben bei dem, was er trägt? Und wer sagt überhaupt, dass ein Manager in einer Bank nicht auch einen kreativen Job hat? Oder was ist mit Empfangsdamen? Aus Erfahrung weiß ich (habe das in der Schulzeit mal gemacht), dass stündlich verschiedene Probleme hereinprasseln, die es gilt zu lösen – auf seine eigene Art! Bedeutet das nicht auch Kreativität?

Vielleicht ist es ja auch so, dass eine Anwaltsgehilfin, die tagsüber einen eher unkreativen Job macht, zum Feierabend ’ne Runde ausflippt und regelmäßig tolle Geschichten schreibt, Bilder malt, Podcasts aufnimmt oder was weiß ich? Wie ist das bei jemandem, der sich schon den ganzen Tag in der Werbeagentur ausgetobt hat – will der nicht seine Ruhe? Gehen Ideen nicht vielleicht auch irgendwann mal aus? Ich habe keine Burn-Out-Statistik, aber das wäre ja mal interessant zu wissen…

Wieso wird jemandem, der einen sogenannten „Kreativberuf“ ausübt, automatisch nachgesagt, er sei „ein kleines bisschen verrückt“ (was auch immer DAS heißen mag!!!), ist stilsicher und keiner traut sich, ihm zum Beispiel seine selbstgemachte Geburtstagseinladung zu zeigen, aus Angst, es sei ihm nicht kreativ genug?

Sind wir nicht alle ein bisschen kreativ?

Jetzt hat sich ja das Thema Kreativität in den heutigen Zeiten des Social Networkings sehr geändert: Jeder möchte sein Profil pimpen, tolle Klingeltöne haben, wird Kamermann im eigenen YouTube Video, aus Hobbyfotografen Digicam-Profis / Starfotografen. In den Wohnungen hängen selbstgemachte Bildkollagen, sei es mit Paint gestaltet, is ja auch egal. Hauptsache „besonders“!

Ich bin immerwieder erfreut über einen Besuch bei MySpace. Soviel geballte Ideen, Farben, soviel selbstgestaltetes, das öffnet mir das Herz – echt jetzt! Dort fragt Dich auch keiner, ob Du Kreativer bist – im Grunde ist es total egal. Da kann ein Angestellter einer TelCo ein tolleres Profil haben als ein Design-Student. Spielt keine Rolle ob Du ein Hund bist, wie Peter Steiner in seinem Comic von 1993 im The New Yorker.

(Comic: copyright Peter Steiner)

Im Prinzip wird plötzlich jedem abverlangt, er solle doch Kreativität mitbringen, in jeder Stellenanzeige darf das Wörtchen Kreativität neben den anderen wie Teamfähigkeit und Flexibilität nicht fehlen. Wieso ist das so? Und wann kam das eigentlich?


Ein Leben in der Kreativwirtschaft

Mercedes Bunz hat vor kurzem etwas geschrieben zum Thema „Kreativwirtschaft“: (ich zitiere hier mal)

„(…) Es gibt verschiedene Antworten darauf, warum Kreativwirtschaft oder Creative Industries gerade so ein Thema ist.

Eine Antwort wäre, dass mit dem Einzug des Computers die Form des kreativen Arbeitens viel wichtiger geworden ist als früher. In der Industriegesellschaft stand eine ganz andere Form, nämlich körperliche Arbeit im Mittelpunkt der Gesellschaft. Heutzutage haben wir Kreativität als ein Modell, das uns alle jeden Tag betrifft, wenn wir am Computer sitzen, wenn wir Emails schreiben, wenn wir unsere Aufgaben bewältigen und organisieren. Formen kreativer Arbeit nehmen durch den Computer am Arbeitsplatz zu. Deswegen ist der Begriff der Kreativität nicht nur bezogen auf die Wirtschaft, sondern allgemein für die Arbeit in unserer heutigen digitalen Gesellschaft wichtig geworden.“

Können wir überleben ohne Kreativität?

Ganz ehrlich… nein ;-) Naja, also betrachtet man die Sache nochmal ganz nüchtern, dann vielleicht schon. Im Grunde wird Kreativität momentan – sei es durch die Medien oder uns selbst – völlig überbewertet! Kunst und Kultur sind natürlich wichtig! Aber nicht überlebenswichtig. Das sollte man vielleicht mal in Meetings einwerfen, wenn sich verbal mit Steinen beworfen wird. Ich hatte mal einen Kunden, der hatte zu solchen Sachen offenbar ein sehr entspanntes Verhältnis, er sagte nämlich: „Kreativität, das bewundere ich. Aber wenn dann einer so arrogant wird.. achne… dann lieber weniger kreativ, dafür mehr sympathisch. Da hat mich mal im Meeting einer angeschrien, da hab ich ihm gesagt „Hallloooo? Wir sind hier NUR bei der Arbeit! Ganz locker bleiben… nur bei der Arbeit…“„. Ich mochte diesen Kunden. Er hatte trotz seiner hohen Position nie den Blick für das Wesentliche verloren… das finde ich wichtig.

Überhaupt? Was soll das alles? Ein Generationsproblem?

Vor Jahren hatte ich mal eine Ausgabe der U-Mag in der Hand (ganz nettes Blättsche ;-), die hatten dort einen Bericht über die Vergewaltigung des Begriffes Kreativität. Der hat mir sehr gut gefallen. Ich meine, seien wir doch mal ehrlich, lutscht sich das nicht irgendwann aus, das Gelaber von kreativem Kram?

Hier eine besonders gute Stelle:

„Für unsere Generation ist halt nur cool, wer kreativ ist. Das kleine Wörtchen macht uns sehnsüchtig. Es klingt verheißungsvoll, nach Eigenständigkeit, Abwechslung und jeder Menge Spaß. Die gestaltenden Studiengänge sind total überlaufen, und sogar im Jurastudium macht man ohne stylishe Powerpointpräsentationen keinen Stich mehr. Irgendwie sind wir alle kreativ, und Kreativsein ist fast so was wie die Kerntugend unserer Generation.“

oder das hier:

„Kreativ klingt halt immer ein bisschen nach: Jeder ist frei und darf das machen, was er will“, glaubt Musiker Florian Dürrmann. „Viele Menschen erheben für sich einen kreativen Anspruch und finden auch ein Forum – über Castingshows, neue technische Möglichkeiten oder online bei YouTube“, erklärt Schauspieler Philippe Goos. Für Autor Rasmus Engler ist das ganze Kreativitätsbrimborium schlicht Angeberei: Kreativ = sexy, und jeder trägt das coole Kreativimage nur zu gern vor sich her. Ein wirklich einfallsreicher Kopf hat es inzwischen echt schwer, sich von der Masse der Pseudokreativen abzuheben (…)“


Kunst vs. Design

Wie das immer so ist: es gibt Vorlesungen, die eignen sich perfekt um den Schlaf vom Wochenende aufzuholen oder den Laptop-Desktop aufzuräumen. Und dann gab’s da ein paar Design-Vorlesungen, die sind einem noch super im Gedächtnis, weil sie Spaß gemacht haben, weil man Leitideen bekommen hat, weil man sich dachte: „Ja krass, das merk ich mir!“. Und da war mal die Rede vom Designer, der sich als Künstler sieht (á la „ich fühle das so, das muss genau so sein“) und dem Designer, der problemorientiert arbeiten kann (Analyse – Konzeption – Realisierung). An unserer Hochschule gab es zwei Fachbereiche für jeweils einen dieser Ansätze. Wir als Media System Designer hatten eher den problemorientierten Ansatz. Kreativität auf zwei verschiedene Arten also.

Ich bin mal über ein Zitat gestolpert, dass ich zu diesem Thema ganz treffend finde:
„Genialität besteht zu 1 Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Transpiration.“ ( Thomas Edison)

Auch Ideen lassen sich nicht undurchdacht in bare Münze verwandeln. Kein Kunde der Welt würde sich mit einer unzugeschnittenen, nicht umsetzbaren (oder gar einer schlecht pfleg- oder erweiterbaren) Lösung zufriedengeben, nur weil die Idee soooo kreativ ist.

Was zum Teufel ist denn nun Kreativität?

Lange Rede kurzer Sinn: für mich sagen Image, Style, Sprache oder Beruf oft rein gar nichts über die Kreativität eines Menschen aus. Es gibt leider immernoch zuviele, die sicher dahinter verstecken und man merkt ihnen deshalb nicht an, dass sie von übertriebenem Selbstbewusstsein und Redegewandtheit, jedoch nicht von außerordentlicher Kreativität gesegnet sind. Ich persönlich kenne sie: zeichnende und singende Therapeuten, fotografierende Call-Center-Agents, dichtende, bastelnde, schaffende Sekretärinnen, Autor und Marketing-Manager in einem – sie alle sind supersaukrasskreative Ideenmenschen, die ihre Berufung einfach nicht zum Beruf gemacht haben / machen konnten. Aber trotzdem sind das für mich trotzdem typische Kreative!

So jetzt ist mal gut – ich hoffe, dieser Beitrag inspiriert ein bisschen und wünsche Euch allen „kreatives Schaffen / Kommentieren“! :-)

5 thoughts on “Was ich schon immer mal über Kreativität sagen wollte…

  1. Katru

    Meiner Meinung nach kann man zwei Formen von kreativen Menschen unterscheiden. Die einen sind Menschen, die eher im privaten Bereich kreativ sind, also eben der „fotografierende Call-Center-Agent“ oder die „dichtende, bastelnde, schaffende Sekretärin“.

    Dann gibt es da die kreativen Menschen, aus deren Ideen sich echte Innovationen entwickeln. Die mit ihrem Wissen und ihrer Kreativität ganz neue Dinge denken und dadurch die Menschheit wieder ein Stück voran bringen. Als Beispiel sei hier die Relativitätstheorie von Einstein genannt.

    Der Übergang zwischen beiden Gruppen von Kreativen ist natürlich fließend.

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